Frühe Bildung beim Frauenstammtisch

Frauenstammtisch im Leuchtturm
10.04.2018 |

Zum Frauenstammtisch der SPD Schöneberg waren alle MitgliederInnen der Abteilung eingeladen, um sich zu politischen Themen auszutauschen und dabei einen gemütlichen Abend im „Leuchtturm“ in der Crellestraße miteinander zu verbringen.

Im Mittelpunkt stand diesmal das Thema „Frühkindliche Bildung“. Josefine Koebe gab dazu ein Impulsreferat zu ihrem Dissertationsthema, das am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin angebunden ist und sich mit den ökonomischen Auswirkungen frühkindlicher Bildung beschäftigt. Der Arbeitstitel ihrer Dissertation lautet „Essays in education and family economics - with a specific focus on early childhood education and care“.

In ihrem Referat skizzierte Josefine Koebe zunächst einen Perspektivwechsel der Gesellschaft auf die frühkindliche Bildung. So habe zu Beginn hinter den Überlegungen zur frühkindlichen Bildung vor allem die Idee gesteckt, Kindern eine sinnvolle Beschäftigung in der Zeit ihrer „Verwahrung“ im Kindergarten zu ermöglichen. Diese Sichtweise änderte sich besonders im Licht der Forschungen James Heckmans, eines Nobelpreisträgers für Ökonomie. Er wies darauf hin, dass es nicht nur aus sozialpolitischer Sicht sinnvoll sei, schon Kleinkinder zu fördern, damit sie ihr Potential voll entfalten können, sondern auch aus ökonomischer Sicht, da die Rendite frühkindlicher Bildung viel höher ist als Investitionen im späteren Alter der Kinder.

In einem ersten Projekt erforschte Josefine Koebe, ob es möglich ist, bei Jugendlichen Effekte der frühkindlichen Bildung eines frühen Eintritts in den Kindergarten zu finden. Dabei legte sie ihren Fokus bewusst nicht auf den Übergang zwischen Kita und Schule, wie vorangegangene Studien es taten, sondern konzentrierte sich auf die längerfristigen Effekte im Jugendalter der Kinder. Hier geht es zum Wochenbericht des DIW.

Ein methodisches Problem ist hierbei allerdings, dass der Besuch der Kita in Deutschland freiwillig ist und es in der Vergangenheit in West-Deutschland keine flächendeckende Kitabetreuung gegeben hat. Erst der Rechtsanspruch für Kinder ab 3 Jahren von 1996 und der neuere Rechtsanspruch für Kinder ab dem 1. Lebensjahr führen nun allerorts zu einem Ausbau des Angebots, das aber weiterhin von Region zu Region sehr unterschiedlich ist. Die Jugendlichen miteinander zu vergleichen ist also aufgrund der unterschiedlichen Biografien in Bezug auf ihre frühkindliche Bildung in der Kita schwierig.

Eine Möglichkeit sind aber Stichtagsregeln in der Kita, die sich an den Grundschuljahren orientieren und die Mitte der 1990-er Jahre bestehende Angebotsknappheit auszunutzen. Die Stichtagsregel hat einen Einfluss darauf, ob ein Kind bereits mit 3 Jahren oder erst mit 4 Jahren in eine Kita kommt – andere Faktoren, die zum Kita-Eintritt führen,  können dann vernachlässigt werden.

Dank dieses methodischen Zugangs kann untersucht werden, ob die nicht-kognitiven Fähigkeiten (Persönlichkeit, soziale Interaktion etc.) von Jugendlichen, die mit 3 Jahren in eine Kita kamen sich von den Persönlichkeitseigenschaften von Jugendlichen, die erst ein Jahr später mit 4 Jahren in die Kita kamen, Unterscheiden.

Ihre Ergebnisse, die mit zwei repräsentativen Datensätzen untersucht wurden, zeigen, dass Jugendlich durch ein frühes Eintrittsalter kommunikativer und durchsetzungsfähiger sind als gleichaltrige Jugendliche, die später in die Kita gingen. Qualitätsaspekte bei der frühkindlichen Bildung in den Kitas konnten für diese Jugendliche allerdings aus datentechnischen Gründen nicht berücksichtigt wurden. Ihr Projekt legt den Schluss nahe, dass auch beim heutigen Ausbau berücksichtigt werden muss, dass die frühe Bildung die Persönlichkeit der Kinder längerfristig beeinflusst.

Im Anschluss wurden viele Aspekte des Vortrages aufgegriffen. Zentral für das Thema „Frühkindliche Bildung“ sind dabei aber das Fehlen eines digitalen und verlässlichen Verteilungssystems für Kitaplätze, was die Suche nach einem Kitaplatz immer noch unnötig erschwert und damit besonders die Eltern zurücklässt, deren Kinder besonders von einer frühkindlichen Förderung profitieren würden. Um diese Kinder, oft aus benachteiligten Familien, zu erreichen, sollten Kitas in der Zukunft zu Familien-zentren ausgebaut werden, in denen Familien und SozialarbeiterInnen aufeinander treffen und die Familien gezielt angesprochen und abgeholt werden können.

Eine längere Diskussion wurde außerdem zu den jüngsten Forderungen der neuen Familienministerin Franziska Giffey geführt. Ihr Hinweis, dass die Entlohnung von ErzieherInnen an das Lohnniveau von GrundschullehrerInnen angepasst werden müsse, traf auf breite Zustimmung.

Gleichzeitig waren sich die Teilnehmerinnen des Stammtisches aber auch darüber einig, dass die Debatte um die Gehälter der ErzieherInnen auch als eine Gleichstellungsdebatte aufgefasst werden muss. Wieder handelt es sich um einen vor allem von Frauen ausgeführten Beruf, der unterbezahlt ist. Parallelen zu anderen Berufen, die „Arbeit am Menschen“ bedeuten, wie etwa der Pflegeberuf, scheinen auf.

Zudem gibt es auch einen Mangel an ErzieherInnen. Gerade in einer Gesellschaft, in der die Geburtenrate nur in Großstädten wie Berlin höher ist als die Sterberate, müssen aber die hohen Ansprüche an ErzieherInnen auch mit einem proportional höheren Lohn einhergehen, um den Beruf attraktiver für EinsteigerInnen zu gestalten. Gerade im Licht der Forschung zur frühkindlichen Bildung scheint es also enorm wichtig, dass die Träger von Kindertagesstätten auf qualifiziertes Personal setzen und dieses in ausreichender Zahl zur Verfügung stellen.