Die Rote Insel, das East End von Schöneberg


Der "zentrale" Insel-Kiez

Zwei Straßen durchqueren die Insel als Hauptachsen in west-östlicher Richtung, die (kleinere) Monumentenstraße und die Kolonnenstraße, die bis etwa in die 1980er Jahre hinein als Haupteinkaufsstraße der Insel fungierte.

Der neue Bahnhof Südkreuz mit Blick auf den Gasometer
Foto: Lienhard Schulz, Wiki Commons
Die Straßenzüge südlich der Kolonnenstraße und westlich der Naumannstraße bilden traditionell den eigentlichen Kern des Kiezes. Diese fünf parallel und in Nord-Süd-Richtung angelegten Straßen sind (von West nach Ost) die Cherusker-, Goten-, Leber-, Gustav-Müller- und die Naumannstraße. Diese werden nur von kleineren Straßen gequert, der Leuthener und der Torgauer, sowie der nur wenige Meter langen Roßbachstraße.

Heutzutage ist nicht mehr ohne weiteres erkennbar, dass die außerhalb dieses Kerns gelegenen Straßen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges nur begrenzt als der Insel zugehörig empfunden wurden. Jedoch waren die wie völlig normale Gründerzeit-Wohnhäuser wirkenden Gebäude etwa in der Czeminski- (früher Siegfried-) oder der Hohenfriedbergstraße vielfach Sitz kleiner Büros militärischer oder sonstiger staatlicher Dienststellen bzw. Unterkünfte für Militärangehörige. Die eigentliche Wohnbevölkerung der nördlichen Insel war daher lange Zeit eher klein, stark fluktierend und recht inkohärent; es gab keine Grundlage für die Entstehung des "kiezigen" sozialen Geflechts, das den südlichen Teil schon früh prägte.

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Schönebergs East End

Der in der nördlichen Dreieckspitze gelegene Alte St. Matthäus-Kirchhof verdeutlicht mit seinem sanft zum Berliner Urstromtal, also zum Spree-Tal abfallenden Gelände die geologische Lage der Insel auf der Hochfläche des Teltow. Der Kirchhof liegt als Inselausläufer auf dem Teltowhang, der sich, wie die untenstehende Karte von 1885 noch gut erkennen lässt, nach Osten im Kreuzberg und in der Hasenheide fortsetzt. Die Bahngleise, die das Inseldreieck bilden, sind auf der historischen Karte bereits fast vollständig eingezeichnet. Das Gebiet der Insel selbst - genau im Schriftzug Alt von "Alt-Schöneberg" gelegen- ist zu dieser Zeit noch unbebauter märkischer Sand.

Die auf einem Stahlstich verzeichnete Karte (entstanden um 1885) zeigt die Lage der damals noch unbebauten Insel zwischen den Gleisen in Alt Schöneberg.

In der komplexen Topografie des modernen Berlin ist kaum mehr erkennbar, warum der Kiez genau dort entstand, wo er liegt. Dabei bietet Schöneberg, das während des 19. Jahrhunderts eine rasante Entwicklung von einer dörflichen Landgemeinde zur selbständigen Stadt erlebte, ein besonders anschauliches Beispiel für ein in ganz Europa erkennbares Phänomen in der Siedlungsgeschichte des Industriezeitalters.

Vom alten Schöneberger Ortskern aus wurden um 1900 zwei sehr unterschiedliche Wohngebiete erschlossen: das noble Bayerische Viertel mit seinen weitläufigen Erholungseinrichtungen wie dem angrenzenden Rudolph-Wilde-Park im Westen, im Osten aber, zwischen Bauernhöfen, Fabriken und den "beiden Eisenbahnen (...) mit ihrem ununterbrochenen Getöse und die Luft verpestenden Kohlendunst" (so Max Schasler 1868) das zukünftige Arbeiterviertel Schönebergs.

Das angeführte Zitat beinhaltet den Grund dafür, dass in den aufstrebenden Industriestädten Europas die Wohngebiete der einfachen Leute fast immer "im Osten" zu liegen kamen: in Europa ist die vorherrschende Windrichtung Westen und in den Abgasschwaden und dem Lärm der boomenden Städte siedelte sich vorzugsweise die Bevölkerungsschicht an, die sich nichts Besseres oder Gesünderes leisten konnte. Da diese Tendenz zuerst in England (London, Manchester, Birmingham) erkennbar wurde, spricht man vom East End-Phänomen.

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Zur Herkunft des Namens "Insel"

Die geschilderte Lage des Kiezes - "von Trassen umschlossen" - hat in seiner Entwicklung sowohl in historischer wie soziologischer Hinsicht eine bedeutende Rolle gespielt. Zu Beginn der koordinierten Bebauungsmaßnahmen um 1870-1890 in diesem Teil der damals noch selbständigen Stadt Schöneberg wirkten die bereits im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts angelegten Eisenbahnstrecken unplanmäßig eher als Hindernis für die Erschließung.

Erst in der späten Kaiserzeit zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg verbesserte sich die Verkehrsanbindung nach Alt-Schöneberg und Berlin. Das lag zum einen am rasanten Wachstum der Hauptstadt in das Umland hinein, zum anderen daran, dass der nördliche und östliche Teil der Insel intensiv durch das preußische Militär genutzt wurden.

Insgesamt vier Brücken verbinden seit dem frühen 20. Jahrhundert die Insel mit dem Rest der Stadt: Julius-Leber-Brücke (früher Sedan-Brücke) und Langenscheidt-Brücke (früher Siegfrieds-Brücke) nach Westen und damit Alt- und Neu-Schöneberg sowie Monumenten- und Kolonnenbrücke nach Osten, also Kreuzberg bzw. Tempelhof.

1901 wurde in Höhe der heutigen Julius-Leber-Brücke unter dem Namen "Schöneberg" ein Bahnhof der Ringbahn errichtet mit einem kleinen historischen Bahnhofsgebäude mit dem charakteristischen Türmchen. Es wurde während des Zweiten Weltkriegs abgerissen, da hier damals schon ein größerer moderner Umsteigebahnhof geplant war. Der Bahnhof wurde bis zum Bombentreffer 1944 von der Ringbahn an der sogenannten Spitzkehre zum Potsdamer Bahnhof betrieben und nach dem Krieg nicht wieder in Betrieb genommen. Die Wannseebahn hielt hier aber nicht. Er war der erste Bahnhof, der den Namen Schöneberg trug und wurde nach der Umbenennung des Schöneberger Ringbahnhofs, des ehemaligen Bahnhofs Ebersstraße (vorher Maxstraße) zu Bahnhof Berlin-Schöneberg, in Bahnhof Colonnenstraße umbenannt. Seit Mitte der 1980er Jahre gibt es Pläne der Wiederinbetriebnahme, die derzeit bis zur Eröffnung der S-Bahnlinie 21 aufgeschoben wurden. Geplant ist ein viergleisiger Umsteigebahnhof, an der sowohl die Züge der S 21, als auch die der Wannseebahn in Zukunft halten sollen. Für die Schöneberger Insel wäre es der Bahnhof schlechthin und ein bedeutender Gewinn in der Infrastruktur.

Ein weiterer Schritt aus der Isolation war die Einrichtung zweier Straßenbahnlinien (23 und 95), deren Betrieb in den 1960er Jahren eingestellt wurde. Die heutigen Buslinien 187 und 104 folgen auf der Insel weitgehend demselben Verlauf wie die ehemaligen Tramlinien.

Ferner gab es östlich der heutigen Naumannstraße an der Dresdener Bahn seit der Kaiserzeit den "Militärbahnhof" (fertiggestellt 1874/75). Dieser hatte für die Bevölkerung der Insel kaum eine direkte Bedeutung. Von historischem Interesse ist er, weil von dort im Ersten Weltkrieg ein Großteil der Truppentransporte aus der Hauptstadt abgingen.

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"Rot"

Die folgende Anekdote trägt zwar Züge eines Großstadtmythos, aber sie erklärt auf zutreffende Weise, warum die Insel mit dem Attribut "rot" belegt wurde:

"Als im Jahre 1878 - die SPD war zu dieser Zeit durch das ‚Sozialistengesetz‘ verboten - Kaiser Wilhelm I. nach zwei Attentaten von einer mehrmonatigen Kur nach Berlin zurückkam und die Stadt im Hurra-Patriotismus und einem schwarz-weiß-roten Fahnenmeer versank, hatte der Schöneberger Bierverleger Bäcker aus der Sedanstraße (vor 1937 Name der heutigen Leberstraße) die rote Fahne aus dem Fenster gehängt. Für diese unerhörte Tat wurde er des Landes verwiesen. Das ‚Sedanviertel‘ wurde von da an die ‚Rote Insel‘ genannt." (Wenzel, 1983).

Bereits zur Zeit ihrer Entstehung in der Kaiserzeit war die Insel ein Wohngebiet der "kleinen Leute". Nach der Abschaffung des Sozialistengesetzes (1890) konnte die SPD in diesem Teil Schönebergs ungewöhnlich hohe Stimmenanteile erzielen, was im Lichte des damals in Preußen geltenden Dreiklassenwahlrechts besonders aussagekräftig ist.

Die Bevölkerung der Insel musste im Gefolge der Inflation nach dem ersten Weltkrieg einen spürbaren sozialen Abstieg hinnehmen. In den Jahren der Weimarer Republik gab es hier deshalb einen hohen Anteil von Wählern "roter" Parteien wie der SPD, USPD und KPD.

Bei der Niederschlagung des Kapp-Putsches von 1920, in dessen Verlauf sich dramatische Ereignisse um das alte Schöneberger Rathaus am Kaiser-Wilhelm-Platz abspielten, kam der "linken" Bevölkerung der Roten Insel eine wichtige Rolle zu. Eine Gedenktafel am Standort des Alten Rathauses erinnert heute an die Opfer.

Im selben Jahr 1920 wurde die Insel, wie ganz Schöneberg, nach Groß-Berlin eingemeindet. Im Vergleich zu den großen Arbeitervierteln der Hauptstadt wie dem "Roten Wedding", Neukölln oder Friedrichshain nahm sich das noblere und immer noch vorstädtisch geprägte Schöneberg freilich eher bescheiden aus. Dennoch wagte sich bis zum Ende der Weimarer Republik die SA nur schwerbewaffnet, überfallartig und in großen Trupps auf das von Sympathisanten linker Parteien dominierte Gebiet der Insel.

Julius Leber (1891-1945), einer der führenden politischen Köpfe der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, arbeitete während der Kriegsjahre unter Tarnung in einer Kohlenhandlung an der Kreuzung Torgauer-/Ecke Gotenstraße. Die ehemalige Sedanstraße und -brücke sind heute nach Leber benannt.

Seit Beginn der 1980er Jahre hat sich das Wahlverhalten der "Inselbewohner" insofern verändert, als dass die Grünen im Kiez Wahlanteile von oft weit über 20% erzielen.

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Andere Benennungen des Viertels

Die Sedanstraße war in der auf die Reichsgründung 1871 folgenden Boomperiode die erste Straße auf der Insel, die planmäßig erschlossen, angelegt, bebaut und besiedelt wurde. Aufgrund dieses "Primats" sprach man bis etwa zum II. Weltkrieg vom Sedanviertel. Die Sedanstraße wurde auf Weisung der NSDAP 1937 in "Franz-Kopp-Straße" umbenannt - nach einem SA-Mann, der am 30. März 1933 auf der Roten Insel erschossen worden war.

Bei dieser Umbenennung blieb es nur für die wenigen Jahre bis 1945, und darüberhinaus erklärt auch die oben geschilderte vorherrschende politische Grundeinstellung der "Rotinsulaner", warum niemals von einem "Koppkiez" oder etwas Vergleichbarem die Rede war. 1945 erfolgte die bis heute gültige Umbenennung in Leberstraße. Sie hatte jedoch für die Bezeichnung des Kiezes keine Auswirkungen.

Heute wird in bestimmten Zusammenhängen, wie in politisch eher konservativen Kontexten lieber von der Schöneberger Insel gesprochen. Die Insel wird ferner in Zusammenhängen "entfärbt", in denen ausgesprochene Objektivität oder Neutralität suggeriert werden soll. An dieser Sprachregelung wird dann wiederum kritisiert oder belächelt, dass es sich um eine Form der "Schere im Kopf" handele - denn der Name Rote Insel ist ja in der Geschichte und Tradition der Gegend begründet und sagt zunächst nichts weiter über die politischen Anschauungen dessen aus, der die Bezeichnung verwendet.

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Architektur

Das markanteste Bauwerk der Roten Insel und ihr architektonisches Wahrzeichen ist der 1910 errichtete Riesengasometer. Er war ursprünglich über 50m hoch und konnte bis zu 160.000 m³ Stadtgas speichern, das seinerzeit zur Beleuchtung von Straßen und Wohnungen sowie zum Heizen und Kochen genutzt wurde. Die Englische Gasanstalt wurde von der Imperial International Continental Gas Association betrieben, aber schon 1916 enteignet. Im Ersten Weltkrieg wollte man dieses kriegswichtige Unternehmen in ausschließlich deutschem Besitz wissen.

Bis zu seiner Stilllegung 1993 war der Gasometer den Rotinsulanern eher ein Dorn im Auge, was teilweise verständlich ist, da die riesige Anlage den Bewohnern „Luft und Sonne verdrängte“. Zu katastrophalen Explosionen ist es – entgegen vielen Befürchtungen – in der Betriebszeit des Gasometers nie gekommen. Inwieweit es für Menschen und Umwelt Spätfolgen gibt, die direkt auf die giftigen Abfallprodukte der Gasaufbereitung (z. B. Toluol) zurückzuführen sind, ist derzeit nicht bekannt.

Foto: Lienhard Schulz, Wiki Commons

Der Gasometer wurde nach seiner Stilllegung unter Denkmalschutz gestellt, da er ein bedeutendes Stück Industriekultur repräsentiert. Heutzutage markiert die kilometerweit sichtbare Stahlkonstruktion deutlich die Lage der Roten Insel im Berliner Häusermeer. Pläne für eine kulturelle Nutzung gibt es seit geraumer Zeit, doch ist deren Umsetzung infolge der schlechten Haushaltslage der deutschen Hauptstadt in näherer Zukunft unwahrscheinlich.

Mit dem Bahnhof Berlin Südkreuz (vormals Papestraße) ist mit dem Fahrplanwechsel im Frühjahr 2006 einer der größten hauptstädtischen S- und Fernbahnhöfe in Betrieb genommen worden. Ob sich Spekulationen über gravierende Veränderungen in der Lebenswelt der Roten Insel durch den Bahnhof bewahrheiten, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht absehbar.

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Kirchen und öffentliche Gebäude

Die beiden wichtigsten Kirchen der Roten Insel sind St. Elisabeth (katholisch, 1911 geweiht) Königin-Luise-Gedächtniskirche (evangelisch, 1912)

Foto: Lienhard Schulz, Wiki Commons

Wie im kaiserzeitlichen Berlin üblich, wurde der evangelischen Kirchengemeinde ein vergleichsweise repräsentativer Platz für den Bau einer freistehenden Kirche zuerkannt, in diesem Fall der Gustav-Müller-Platz. Die in Berlin eher seltene Bauform der „Saalkirche“ und die markante Kuppel des Baus geben dem Platz bis heute sein Gepräge.

Die katholische Gemeinde der Insel war zur Zeit der Weihe von St. Elisabeth für Berlin verhältnismäßig groß – mit über 5000 Gläubigen stellte sie annähernd 20 % der Bevölkerung, was wiederum dafür spricht, dass im Kiez viele Zuwanderer aus anderen Teilen Preußens und des Deutschen Reiches lebten. Dennoch ist St. Elisabeth recht unscheinbar in die nördliche Häuserzeile der Kolonnenstraße eingezwängt.

Auf der Insel gibt es zwei historische, kleine und schöne Friedhöfe, den Zwölf-Apostel- und den berühmteren Alten St. Matthäus-Kirchhof. Beide gehören nicht zu einer Insel-Gemeinde, der letztere nicht einmal zu einer aus Schöneberg: St. Matthäus befindet sich im südlichen Tiergarten (dem ehemaligen „Geheimratsviertel“). Ihren Begräbnisplatz hatte die Gemeinde jedoch an der Großgörschenstraße. Hier liegen die Gräber solcher großbürgerlichen Berühmtheiten wie Jacob und Wilhelm Grimm, Rudolf Virchow und Max Bruch.

Wie auf über 40 anderen Berliner Friedhöfen wurden auf dem Zwölf-Apostel-Kirchhof während des zweiten Weltkrieges Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion eingesetzt, die in einem Lager an der Neuköllner Hermannstraße unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert waren.

Als die Bevölkerung der Insel zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf knapp 30 000 Menschen angewachsen war, begannen der preußische Staat und die Stadt Schöneberg die dortige Infrastruktur auszubauen. Auf einem Gelände an der Kolonnenstraße wurden ab 1892 die IV. und V. Gemeindeschule errichtet. Auf dem straßenseitigen Teil desselben Grundstücks entstand 1908 die Fichte-Realschule und eine zehnklassige Höhere Mädchenschule. Diese beiden Gebäude sind noch erhalten und beherbergen heute die Robert-Blum-Oberschule.

Viele öffentliche Bauten der Kaiserzeit auf der Insel standen im Zusammenhang mit der hier stationierten Garnison des 1. Preußischen Eisenbahnbataillons. Neben der eigentlichen Kaserne an der „Fiscalischen Straße“ (1920–36 Immelmannstraße, heute Kesselsdorfstraße) gab es zahlreiche der militärischen Infrastruktur dienende Zweckbauten. Diese wurden im Laufe der Jahre mehr und mehr abgerissen oder stark umgebaut.

Selbst die heute rein „zivil“ genutzten Wohnhäuser der nördlichen Insel, etwa an der Czeminski-, Brunhild- und Hohenfriedbergstraße, waren vielfach von der Armee in Beschlag genommen. Hier gab es nicht nur die Büros verschiedenster militärischer Dienststellen. Auch die Wohnungen wurden zur Unterbringung von Armeeangehörigen genutzt, da die staatlich verordneten Einquartierungen bei den Hausbesitzern der südlichen Insel äußerst unbeliebt waren.

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Die kaiserzeitliche Wohnbebauung

Diese Bauphase sorgte für den Großteil der Bauten auf der Insel. Der Baustil unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen innerstädtischen Berliner Ortsteilen. Es handelt sich in der Regel um Gebäude mit bis zu fünf Stockwerken, in denen außer Wohnungen auch kleine Läden und Gewerbebetriebe untergebracht waren. Die heute noch weitgehend vorhandene Bausubstanz wurde in drei Phasen errichtet:

1882–1895 1898–1907 1912–1918

Foto: Lienhard Schulz, Wiki Commons

Auf der Insel ermöglichten es einige glückliche Umstände, das spezielle Flair des Kiezes bis auf den heutigen Tag zu bewahren. Zunächst sah der Bebauungsplan der Insel (festgesetzt in den Jahren 1884 und 1892/93) relativ kleine Parzellen vor. Das hatte zur Folge, dass die Häuser höchstens zwei Quergebäude und ein Hinterhaus haben: die als Folge des Hobrechtplans (1862) entstandenen prekären Wohnverhältnisse der Mietskasernen anderer Berliner Arbeiterviertel mit vielen aufeinanderfolgenden Hinterhöfen ohne Licht und Luft entwickelten sich hier nicht.

Der Hobrechtplan hatte zwar eine Bebauung der nördlichen Insel mit großen Mietskasernen vorgesehen, doch bewirkten der Ausbau der Gleisanlagen und der Widerstand des Schöneberger Ortsvorstands, dass es dazu nicht kam.

Wären die gigantomanischen Planungen von Adolf Hitler und Albert Speer der 1930er Jahre für die Umgestaltung Berlins zur Welthauptstadt Germania in ihrer Realisierung auch nur über Ansätze hinausgekommen, so wäre die Insel vermutlich als einer der ersten Berliner Kieze komplett dem Abriss anheim gefallen. Wie greifbar diese Aussicht war, zeigen nicht nur etliche erhaltene Dokumente aus Speers Behörde, in denen dieser Abriss des so genannten „Bezirkes 25“ bereits bis ins Detail projektiert war, sondern auch die beginnende Entmietung in den Kriegsjahren und die teilweise Erweiterung bestehender Straßenzüge. Nicht zufällig befindet sich der in diesem Zusammenhang zum Test der Untergrundfestigkeit errichtete Schwerbelastungskörper an der Tempelhofer General-Pape-Straße in unmittelbarer Nähe.

Besonderen Zynismus bewies die NS-Verwaltung im Zusammenhang mit der Episode um die „Arisierung“ des Kaufhauses Lesser (Kolonnen-/ Ecke Leberstr.): Susette Lesser, der Witwe des Gründers, war es 1939 gelungen, einen Verkauf des Grundstücks und Geschäfts zu für die Zeitumstände günstigen finanziellen Konditionen zu arrangieren, die ihr die Emigration ermöglicht hätten. Die zuständigen Behörden untersagten den Verkauf mit der Begründung, das Gebäude werde ohnehin in kurzer Zeit abgerissen und sei daher wertlos. Frau Lesser wurde im Oktober 1941 ins Ghetto von Lodz deportiert, über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt – das Haus, das ihr Mann im Jahre 1906 erworben hatte, steht noch heute.

Auch von den Folgen der alliierten Luftangriffe während des Bombenkriegs, die Berlin 1944 und 1945 besonders hart trafen, blieb die Insel weitgehend verschont [2]. Die kaiserzeitliche Bausubstanz ist daher größtenteils intakt erhalten – wenn man von einigen „Bausünden“ der 1960er bis 1980er Jahre absieht.

Schließlich bewirkte das Engagement der Bevölkerung in den 1970er und 1980er Jahren, dass die so genannte „Kahlschlagsanierung“, die den Kiez womöglich dem Konzept der „autogerechten Stadt“ geopfert hätte, der Insel erspart blieb: Die Bauarbeiten für die geplante „Westtangente“ kamen nach jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Senat und Bevölkerung nicht über das nahegelegene Autobahnkreuz Schöneberg hinaus.

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Der Cheruskerpark

Ursprünglich verfügte die Insel – wenn man von den Friedhofsanlagen absieht – über keine ausgedehntere Grünfläche, da die Schöneberger Gemeindeverwaltung an der Anlage einer Erholungsfläche in dem Arbeiterviertel kein vordringliches Interesse zeigte. Typisch für die Geschichte des Kiezes ist die Art und Weise, wie diesem Mangel, zumindest in gewisser Weise, abgeholfen wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der S-Bahn-Ring auch faktisch geschlossen, das Einschwenken der Züge in die „Spitzkehre“ zum Potsdamer Ringbahnhof war nicht länger nötig. Ein Teil des Gleisdreiecks der Ringbahn, darunter die so genannte „Cheruskerkurve“, wurde 1948 abgebaut, und auf der freigewordenen Fläche entstand, eingezwängt zwischen Gasometer, Kolonnen-, Cherusker- und Torgauer Straße, der Cheruskerpark. Diese bewusst hochtrabend klingende Bezeichnung war zunächst nur der ironisierende Spottname der ansässigen Bevölkerung für das wenig repräsentative Gelände. Im Laufe der Zeit übernahm das Bezirksamt Schöneberg diesen Namen in offiziellen Darstellungen.

Da der Park mit zunehmend schlechterer finanzieller Ausstattung Berlins in einen Zustand immer größerer Verwahrlosung geriet, mieden viele Anwohner das Gelände, das zu sehr als „Hundeklo“ und Schauplatz von Kleinkriminalität empfunden wurde, um für Jogger oder spielende Kinder attraktiv zu bleiben. Ausserdem musste im Lauf der 1990er Jahre mit Schadstoffen (Cadmium) belasteter Boden abgetragen werden.

Im Jahre 2005 begannen daher umfassende Instandsetzungsarbeiten im Cheruskerpark, der derzeit für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Wie es um die zukünftige Akzeptanz der Grünanlage bestellt sein wird, ist nicht vorauszusagen. Jedoch wirft es ein charakteristisches Schlaglicht auf die oft erwähnte „Dörflichkeit“ der alten Berliner Kieze, dass bereits jetzt Bürgerinitiativen aktiv sind, die sich für beziehungsweise gegen ein Hundeverbot im wiedereröffneten Park einsetzen.

Ob dem Park in der derzeit projektierten Gestalt ein langfristiges Bestehen vergönnt sein wird, ist nicht zuletzt deswegen unklar, weil sich die Bahn die Möglichkeit einer Wiedererrichtung der Cheruskerkurve vorbehält.

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Quelle

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel "Rote Insel" aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar. Bearbeitungsstand: 5.7.2006

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