Das Menschenbild in der SPD – Eine Diskussion mit Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse

Eine rege Diskussion

Wolfgang Thierse zu Gast in der 7. Abteilung Schöneberg – Eine Rückblende

Am 25. Januar 2011 lud unsere Abteilung zu einer offenen Diskussionsveranstaltung ins Theater O-TonArt ein, um mit Wolfgang Thierse (MdB) über „Das Menschenbild in der SPD“ zu debattieren. Die vielen Besucher wurden, so viel vorweg, weder von dem angenehmen Ambiente unserer Gastgeber noch den erhellenden Ausführungen Wolfgang Thierses enttäuscht.

Ein Rückblick auf 2010: Während die schwarz-gelbe Koalition in Lethargie versinkt, wird im Land über spätrömische Dekadenz bei Empfängern von Transferleistungen diskutiert und die Frage aufgeworfen, inwieweit sich Intelligenz und Sozialverhalten unter Anwendung der mendelschen Regeln erklären lassen. Wem der Biologieunterricht nicht mehr ganz präsent ist: Erbsen kreuzen und schauen, welche Merkmale vererbt werden. Thilo Sarrazins Vorstellungen von biologisch vererbbarer Intelligenz und die darauf folgende Debatte über die Integrations- und Sozialpolitik in Deutschland, die teilweise zu erschreckenden Äußerungen in den Medien führte, hat auch in der SPD eine kontroverse Debatte ausgelöst. Die Diskussionsbeiträge seitens der SPD waren bisweilen widersprüchlich oder verfingen sich in Detailfragen zur Sozial- und Integrationspolitik.

Angesichts des breiten Spektrums der Beiträge müssen offensichtlich grundsätzliche Fragen beantwortet werden: Worin besteht ein spezifisches sozialdemokratisches Menschenbild, auf dessen Basis wir nach innen unterschiedliche Meinungen und nach außen glaubwürdige politische Konzepte vertreten können? Wie lautet unsere sozialdemokratische Vision des 21. Jahrhunderts für die Menschen in unserem Land? Wie ist unser Bild vom Menschen oder wie sollte es sein, damit wir auch in Zukunft unsere Politik legitimieren können?

Alles Fragen, die auch in der 7. Abteilung kontrovers diskutiert wurden und die bei uns die Idee aufkommen ließen, jenseits von tagespolitischen Aspekten über unser Menschenbild zu sprechen. Wir waren mehr als erfreut, dass wir dabei mit Wolfgang Thierse einen ebenso leidenschaftlichen wie eloquenten Gast begrüßen durften. Einen besseren Referenten hätten wir, worauf der Moderator Lars Oberg in seiner Einführung hinwies, aufgrund seiner biographischen Prägung und seines seit Jahren bekannten Engagements in politisch-moralischen Fragen, nicht gewinnen können.

Alle inhaltlichen Nuancen von Wolfgang Thierses kurzweiligem Vortrag hier aufzuzählen, wäre vergebene Mühe. Ob vom Allgemeinen zum Besonderen oder umgekehrt, kaum ein historischer, philosophischer oder tagesaktueller Aspekt eines sozialdemokratischen Menschenbildes wurde ausgeklammert. Besonderen Wert legte er auf die Feststellung, dass unser Bild vom Menschen sowohl die individuelle Freiheit als auch die solidarische Verantwortung umfasst, beides nur zusammen gedacht und gelebt werden kann. Ein Vertrauen also darauf, ob weltanschaulich oder religiös begründet, dass Menschen „zum Guten“ befähigt sind und in diesem Streben von der Gemeinschaft auf allen Ebenen gefördert werden müssten, ohne dabei zu übersehen, dass Menschen auch vor dem Rückfall in die Barbarei nicht gefeit sind. Kurzum, hier verwies er zu Recht auf das Hamburger Programm: Menschen „sind vernunftbegabt und lernfähig. Daher ist Demokratie möglich. Sie sind fehlbar, können irren und in Unmenschlichkeit zurückfallen. Darum ist Demokratie nötig.“ Nicht zuletzt sei die Verständigung auf ein gemeinsames Wertefundament für das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft unerlässlich. In diesem Punkt hob sich Wolfgang Thierse wohltuend von Kommentatoren ab, die es in Diskussionen bei der Analyse von Missständen und dem Beschwören von Allgemeinplätzen bewenden lassen. In der Betrachtung des „Eigenen“ und des „Fremden“ seien weder uns (noch) fremde Sitten, Verhaltensweisen und Normen als das schlechthin „Fremde“ einem idealisierten „Eigenen“ gegenüberzustellen, noch müssten eigene, als richtig erachtete Werte und kulturelle Errungenschaften relativiert werden. So mahnte Wolfgang Thierse nicht zuletzt an, dass gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Austausch ohne eine gemeinsame Sprache und einen kulturellen Kanon kaum möglich ist.

Diese kurzen Anmerkungen können nur ansatzweise den Inhalt des Vortrags wiedergeben. Wahrscheinlich konnte jeder Zuhörer für sich interessante und wichtige Anregungen mit nach Hause nehmen und diese in Zukunft für seine politische Arbeit nutzen. In der anschließenden Diskussion meldeten sich viele Gäste mit Fragen, Anmerkungen und Kritik zu Wort, auf die Wolfgang Thierse auch noch zu später Stunde einging. Es wurde deutlich, dass wir in vielen Detailfragen streiten werden und können, aber als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten doch auch etwas gemeinsam haben: Ein eindeutiges, ein positives Bild vom Menschen, von dem Wolfgang Thierse sprach. Die 7. Abteilung Schöneberg dankt dem Genossen Wolfgang ganz herzlich für sein Kommen!

Für Interessierte folgende Literaturhinweise zum Weiterlesen:

Das Hamburger Programm

Hier besonders der Abschnitt „Unser Bild vom Menschen“

Naika Foroutan (Hrsg.): Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand: Ein empirischer Gegenentwurf zentraler Thesen Thilo Sarrazins mit Bezug auf Muslime in Deutschland

Zum Thema Integration hat die Sozialdemokratie mehr als nur Sarrazin zu bieten:

Johannes Raus „Berliner Rede - Ohne Angst und ohne Träumereien: Gemeinsam in Deutschland leben“ im Jahr 2000

Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände, Folge 9

Presseinformation und Zusammenfassung hier